Rolle der Medien in Venezuela: Sprachrohre rechter Putschisten?
Gespräch mit Jesse Chacón, Informationsminister des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez
F: Die venezolanischen Medien machen massiv Stimmung gegen Präsident Chávez. Ist dessen Lage bereits mit der von Salvador Allende im Chile Anfang der siebziger Jahre zu vergleichen?
Ich halte es für wichtig, die Situation unserer Regierung unter dem Blickwinkel der Ereignisse in Chile zu analysieren. Wir wissen heute, daß die CIA am Umsturz Salvador Allendes beteiligt war. Selbst US-Verteidigungsminister Colin Powell gestand kürzlich ein, daß die Verstrickung der USA in Sturz und Ermordung Allendes kein Kapitel sei, für das sich Washington rühmen sollte. Das bedeutet aber nicht, daß sich die Taktik der USA geändert hat. Zu Allendes Zeit gab es in Chile die Tageszeitung El Mercurio als Sprachrohr der Rechten. In Venezuela kämpfen wir nun mit den Zeitungen El Nacional, El Universal, Tal Cual, mit den Radiosendern Radio Caracas und Unión Radio und mit den Fernsehsendern TV Caracas, Venevisión und Globovisión. Sie alle wollen die Bevölkerung glauben machen, daß unser sozialer Prozeß Gewalt schüre und daß ein Präsident illegitim Macht ausübt, der mit 60 Prozent der Stimmen gewählt und dessen Mandat siebenmal bestätigt wurde.
F: Vor wenigen Tagen erschütterte ein Medienskandal Venezuela, als die Zeitung Tal Cual dem Präsidenten auf einem Foto eine Pistole in die Hand montierte.
Der Präsident hatte auf einer Konferenz von Frauenorganisationen gesprochen und hielt eine Rose hoch. Als wir am nächsten Tag statt der Rose eine Pistole in seiner Hand sahen, trauten wir unseren Augen nicht. Die Menschen haben noch nicht den Putschversuch im April 2001 vergessen. Damals vermeldeten die Fernsehsender die ersten Toten durch eine Schießerei an der Llaguno-Brücke in Caracas, als der Schußwechsel nachweislich noch gar nicht stattgefunden hatte.
F: Ein CNN-Korrespondent, der darüber berichtete, wurde zurückgerufen.
An jenem 10. April wurde der CNN-Mann Otto Neustald von einem Kollegen eines Privatsenders darüber informiert, daß es am kommenden Tag sehr wahrscheinlich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen würde. Am 11. April fuhr Neustald zu einer Stelle, an der oppositionelle Militärs sich versammelt hatten. Nach seinen Schilderungen machten Anführer dieser Militärs die Regierung für den Tod von Demonstranten verantwortlich, als es noch gar keine Zusammenstöße gegeben hatte. Darüber hinaus gibt es Indizien dafür, daß am 12. April ausländische Militärberater mit den aufständischen Armeeangehörigen zusammenkamen. Davon legen die Passierbücher in Kasernen Zeugnis ab.
F: Fürchten Sie also, das gleiche Schicksal zu erleiden wie die Unidad Popular 1973 in Chile?
Die Prozesse sind ähnlich, aber nicht gleich. Wir distanzieren uns vom klassischen Antiamerikanismus und machen immer wieder deutlich, daß wir nichts gegen das US-amerikanische Volk haben. Unsere Revolution ist außerdem eng mit dem Volk und der Armee verbunden. In Chile erlebten wir einen Staatsstreich der militärischen Führung gegen die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger der Regierung. In Venezuela existiert diese Kluft nicht, weil die Armee eng in die soziale Revolution eingebunden ist, nicht, weil unser Präsident ein ehemaliger Militär ist, sondern weil die Armee bei uns eine andere Rolle einnimmt. In Chile existiert bis heute eine elitäre Armee, die sich an dem deutsch-preußischen Modell orientiert. Die venezolanische Armee hingegen ist eine Volksarmee, deren Mitglieder aus einfachen Familien kommen und die bislang jeden Versuch, sie politisch zu vereinnahmen, widerstanden hat. Die Militärs haben aber auch außerhalb Venezuelas aus der Geschichte unseres Kontinentes gelernt. In allen südamerikanischen Staaten, die unter Militärdiktaturen zu leiden hatten, werden heute die Militärs zur Verantwortung gezogen, in Chile ebenso wie in Argentinien. Die Verantwortlichen in der Redaktion der chilenischen Tageszeitung El Mercurio aber bleiben für ihre Rolle beim Putsch ebenso ungestraft wie die Konzernbosse, die die Gewaltherrscher unterstützten.
Quelle:
http://www.jungewelt.de/2003/10-04/016.php
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