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Romanistik und Lateinamerikaforschung sollen aus den Berline
Quelle: http://www.jungewelt.de/2003/12-04/021.php
Zitat:
04.12.2003
Feuilleton - Isabell Exner
Alte Liebe, kaputt
Wie man eine Tradition wegwirft: Romanistik und Lateinamerikaforschung sollen aus den Berliner Unis fliegen
»Als Bündnispartner einer globalisierten Welt müssen Europa und Lateinamerika ein Beispiel setzen«, fordert der mexikanische Romanautor Carlos Fuentes in der deutschen Novemberausgabe der Le Monde Diplomatique. Mit dieser Meinung steht er nicht alleine: Schon als Fuentes am Montag im Iberoamerikanischen Institut in Berlin sprach, waren die Wände mit Protesttransparenten gegen die Kürzungen an Berliner Unis gepflastert, und auch Institutspräsident Günther Maihold wies auf die Konflikte hin: »Sie sind in Berlin in einer Zeit zu Gast, in der sich die drei Universitäten im Ausstand befinden«. Fuentes hob die internationale Bedeutung Berlins für die Lateinamerikaforschung hervor: »Ihr Institut bietet den Intellektuellen aus Lateinamerika ein Dach, es ist unser Haus, deswegen wende ich mich entschieden gegen die Kürzungen«. Auch am darauffolgenden Tag stand das Thema auf der Tagesordnung. Nachdem der Träger des renommierten Cervantes-Literaturpreises im »Roten Rathaus« gesprochen hatte, entschlossen sich Studenten, das Gebäude zu besetzen. Zwei Stunden später wurden die Räume unter Gewaltandrohung der Polizei geräumt.
Berlin ist ein Knotenpunkt der europäisch-lateinamerikanischen Kooperation. Immer mehr Menschen aus Lateinamerika machten Berlin zu ihrem Wohnsitz. Neben den Exilanten und Vertragsarbeitern aus Chile, Kuba oder Nikaragua in der DDR war auch Westberlin Zielort von Flüchtlingen. Im heutigen Stadtleben merkt man das: Salsa, Tango, Capoeira, Cocktails und der Boom von Spanisch als Fremdsprache an den Schulen sind dabei nicht die einzigen Beispiele. Als im »Haus der Kulturen der Welt« im vergangenen Jahr die Ausstellung »MexArtes« ausgerichtet wurde, war die internationale Resonanz enorm. Gleiches gilt für die Aztekenausstellung im Martin-Gropius-Bau diesen Sommer, und mit João Ubaldo Ribeira war kürzlich einer der wichtigsten brasilianischen Schriftsteller für ein Jahr in Berlin zu Gast. Zahlreiche Berliner Stadtteile pflegen Städtepartnerschaften mit Orten in Nikaragua oder Chile, und die Berliner Universitäten sind ein beliebtes Ziel für Studenten und Wissenschaftler aus Süd- und Mittelamerika, die auch hierherkommen, um sich über ihre Herkunftsländer wissenschaftlich auszutauschen, unlängst geschehen im Haus der Kulturen der Welt bei einer internationalen Konferenz zur Transition in Kuba. Oder auch bei einem internationalen Kolloquium zur politischen Situation in Venezuela, das im Oktober hier stattfand.
Die Tradition der wissenschaftlichen Achse Berlin–Lateinamerika läßt sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen, als Alexander von Humboldt von hier aus zu seiner berühmten Forschungsreise durch Lateinamerika aufbrach, während sein Bruder Wilhelm sich vor Ort um die Gründung der später nach den beiden benannten Universität bemühte.Besondere Relevanz als Forschungsstandort erhält Berlin heute durch die einzigartige Sammlung der Bibliothek des Iberoamerikanischen Instituts in der Potsdamer Straße, die mit ihrem Literaturbestand zur iberoromanischen Kultur in Europa an erster Stelle steht und auf der ganzen Welt nur von zwei anderen Bibliotheken übertroffen wird. Hier sind regelmäßig Intellektuelle, Schriftsteller und Wissenschaftler aus der ganzen Welt zu Gast, die die idealen Recherchebedingungen zu schätzen wissen: Mario Vargas Llosas Roman »Das Fest des Ziegenbocks«, der in der Trujillo-Diktatur der fünfziger Jahren in der Dominikanischen Republik spielt, ist aufgrund von monatelangen historischen Nachforschungen in eben diesem Institut entstanden.
Doch dem Land Berlin scheint das egal zu sein. Fast keine andere Disziplin ist von den anstehenden Kürzungen an den Universitäten so hart betroffen wie die Romanistik. An der Technischen Universität soll sie vollständig gestrichen werden, die Humboldt-Romanistik muß 1,2 Millionen Euro sparen und verliert dadurch die Hälfte ihrer Stellen. Schon heute gibt es mit Professor Ingenschay nur eine einzige Professur in Berlin, die explizit für hispanoamerikanische Literatur zuständig ist. Am Lateinamerika-Institut der FU sollen wichtige Stellen reduziert und befristet werden, mit der verordneten Reduktion wird es sowohl einen Teil seiner Interdisziplinarität verlieren, als auch die grundständige Lehre einstellen müssen. Dies in einer Zeit, in der relevante akademische Diskussionen, sowohl in den Geistes- als auch in den Sozialwissenschaften, in engem Zusammenhang mit lateinamerikanischen Debatten stehen. Sollte man gerade in Berlin übersehen haben, daß Migration und Kulturkontakt Dynamiken entwickeln, die in Zukunft die globalisierte Welt immer mehr auf Trab bringen werden? Die Versuche Europas, seine Grenzen zunehmend zu schließen, scheint in den Kürzungsplänen des Berliner Senats ihr kulturpolitisches Pendant zu finden.
Carlos Fuentes hatte am Montag seine Rede mit einer Zahl begonnen: Achthunderttausendmillionen Dollar würden jährlich auf der Welt in Waffen investiert, da sei es doch bedauerlich, wenn das Fehlen vergleichsweise geringer Summen die Universität als einen, wie er sagte, unerläßlichen Raum der Kritik und der lebendigen Kultur gefährdeten. In Mexiko habe man solche Probleme derzeit nicht. Dort würde stets ein großes Budget für die Bildung aufgewendet. Es scheint, als würden die Berliner Politik und ihre Helfershelfer in den Universitätsleitungen nichts aus der Region hören und lernen wollen, die Europa außerhalb Europas am ähnlichsten ist, wie Fuentes es ausgedrückt hat.
Quelle: http://www.jungewelt.de/2003/12-04/021.php
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