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Kuba / Cuba - Reiseberichte und Reiseerfahrungen

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Alt 06.09.2003, 03:45   Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a Beitrag #1
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Standard Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a

Vielen Dank an Johnnie für die Erlaubnis seinen Reisebericht im Latinoportal veröffentlichen zu dürfen. Er ist Autor und Urheber dieses Reiseberichtes.

Seine Seite findest Du hier:

Reisebericht Kuba 2003


Zitat:
Reisebericht Cuba Februar 2003


Anreise und Grenzkontrolle

Die Reise nach Cuba sollte diesmal anders beginnen als bisher gewohnt und praktiziert.
Zum ersten mal hatte ich einen Flug ab Frankfurt ohne Zubringer gebucht. Demzufolge musste der Weg per Bahn beginnen. In Anbetracht der Wartezeiten auf den Lufthansazubringer von über 7 Stunden in Frankfurt beim letzten mal im September erschien mir die Anreise per ICE mit einer Fahrzeit von 3 Stunden und 10 Minuten vergleichsweise günstig. Nur das Gepäck stellt in diesem Falle ein Problem dar. Also musste ich mich auf zwei Reisetaschen und einen kleinen Rucksack als Handgepäck beschränken. Am Ende waren es dann doch mehr als 60 Kilo zusammen.

Alles schien sehr einfach und bequem zu werden. Nur hatte ich die Rechnung ohne die Bahn gemacht. Der letzte ICE fährt gegen 21 Uhr. Was soll ich gegen Mitternacht in Frankfurt, wenn der Flieger doch erst 8:40 abhebt? Ohne Gepäck gäbe es da schon einige Möglichkeiten, aber mit der Schlepperei und noch dazu alleine. Also musste eine andere Verbindung her, und zwar der Nachtzug CNL. Nur fährt dieser nicht zum Flughafen sondern hält in Frankfurt am Südbahnhof und danach wieder in Mannheim. Von Mannheim geht ein ICE direkt zum Flughafen. Nachts 4 Uhr am Südbahnhof eine Stunde warten und dann noch 2 mal die S-Bahn benutzen, das wäre bestimmt die schlechtere Alternative. Also über Mannheim. Gegen 22:30 setzte ich mich ab Leipzig in Bewegung. Dieser Nachtzug ist äußerst bequem und erfordert für jeden Platz eine Reservierung. Preiswerteste Variante im Ruhesessel 9,50 € Reservierungsgebühr. Der Fahrpreis des CNL war ja im Flugticket als „Rail & Fly“ bereits enthalten. Los ging die Fahrt.

Wie das so ist, man lernt beim Eisenbahnfahren immer Leute kennen und schwatzt über dies und das. Nachts kann ich eh nicht so zeitig einschlafen und es fanden sich ein paar nette Gesprächspartner. Ein paar Dosen Bier und einen Flachmann als Notwehr gegen jedwede Art von Wucherpreisen hat man als Cuba- Kenner ja stets am Mann. Und so wurde die Fahrt recht lustig. Ein Mitreisender hatte plötzlich noch eine Flasche Bacardi in der Hand und draußen rollte die nächtliche Landschaft vorbei. An vieles kann ich mich nicht mehr erinnern. Nur dass ich in Mannheim mitsamt meinen Reisetaschen eine Rolltreppe runtergepurzelt bin. Mehr schlafwandelnd bin ich dann letztendlich doch im Flughafen Frankfurt angekommen. Danach fehlt mir wieder ein Stück. Genau erinnern kann ich mich nur noch daran, wie mich ein vermutlich kubanischer Angestellter weckte und mich fragte, ob ich nach Varadero wolle. Der gesamte Wartebereich im Transitraum war mittlerweile leer. Ich bestieg somit als letzter die Maschine. In diesem Zustand zu reisen hat auch was gutes, denn ich erinnere mich folglich auch nicht mehr, ob ich den Schlangenfraß im Flieger nun zu mir genommen habe oder nicht. Nur an eines erinnere ich mich sehr wohl. Der Flachmann war leer als wir in Varadero landeten.

An der Immigration dauerte es bei mir ziemlich lange. Im Computer muss wohl aufgefallen sein, dass ich mich im September nicht bei der Immigration in Havanna gemeldet hatte, da diese gerade umgezogen war und ich sie nicht auf Anhieb fand. Somit wohnte ich als Tourist damals illegal in meinem Haus. Direkt darauf angesprochen hat mich die Frau am Schalter zwar nicht, aber sie hat einen deutlichen Vermerk auf meine Tourikarte geschrieben, dass ich mich innerhalb von 72 Stunden zu präsentieren habe zwecks Umschreibung auf A2-Visum.
Zu meinem allergrößten Erstaunen gab es nicht die geringsten Probleme mit der Koffermafia. Keine Kritzeleien auf dem Kofferband, keine dummen Fragen, einfach durchgelaufen und fertig. Draußen wartete schon der 1948-er Chevrolet mit Kosenamen „Yumby“ nebst Chauffeur, seiner und meiner besseren Hälfte. Von „Yumby“ wird noch einiges in meinem folgenden Bericht zu lesen sein.

Cerveza Cristal

Gleich nach Verlassen des Flughafengebäudes in fast schon alter Tradition ging es dann erst mal an die nächste Imbissbude. Schließlich schrie die ganze Fahrzeugbesatzung vor Hunger und ich hatte Durst. Also 3 mal Spaghetti, 1 Refresco und 3 Bier geordert. Es gab nur „Cristal“. Bei knapp 28 Grad eine Dose kalten Bieres angesetzt in hoffnungsvoller Erwartung eines zischenden Tones im Hals. Uärrgss !!! Was ist denn das ??? Ich hatte plötzlich eine faulig übel riechende Dreckbrühe mit saurem Geschmack im Munde und musste diese sofort ausspucken. So was ekliges ist mir noch nicht mal in den finstersten Pesohöhlen in Havanna Vieja untergekommen. Die anderen hatten etwas mehr Glück als ich. Deren Bier schmeckte nur seltsam sauer, aber so eklig stank es nicht. Mir wurde einhellig bestätigt, dass das „Cristal“ zur Zeit allgemein sehr schlecht geworden ist. Oft sind in der gleichen Packung einige Dosen mit verfaulter Dreckbrühe und einige die man sich gerade noch so runterwürgen kann, ohne sich gleich zu bebrechen. Mit „Bier“ jedenfalls hat diese Jauche weniger gemein als der Eiffelturm mit einem Küchenhocker.
Ich habe in der ganzen Zeit niemanden getroffen, der jemals eine Dose Cristal von guter Qualität in den letzten Wochen bekommen hätte. Dass da kleine Männlein in Fälscherwerkstätten oder gar illegalen Brauereien ihre Hände im Spiel haben sollen, halte ich für ein absichtlich verbreitetes Märchen. Wieso kommen dann aus der gleichen Palette einerseits Dosen mit übelriechender saurer Jauche ohne Kohlensäure und gleichzeitig einigermaßen genießbare? Dass die Produktion im sozialistischen Gammelbetrieb "Cristal" außer Kontrolle geraten ist, halte ich für sehr viel wahrscheinlicher.
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Alt 06.09.2003, 03:47   Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a Beitrag #2
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Zitat:
Neue Gesetze: Casas, Drogen, Straßenverkehr, Alkohol

Man hat immer häufiger den Eindruck, als würde sich das angeschossene, dem Ende entgegensehende Raubtier noch mal kräftig aufbäumen wollen, bevor es in sich zusammenbricht. So ähnlich könnte man wohl am treffendsten die Maßnahmen beschreiben, mit denen ein Staat oder eine Regierung versucht, den Kampf um die Erhaltung der Macht und des eigenen Systems zu führen, obwohl dieser augenscheinlich bereits längst verloren ist.
Und genau so hören sich auch die neuesten Verordnungen und Gesetzesänderungen an, welche seit Januar in Kraft sind. Offensichtlich hat man sich den Individualtourismus als Staatsfeind Nummer eins auf die Fahnen geschrieben.

Es ist tatsächlich so, dass die offiziellen Vermieter nahezu gedrängt werden, ihre Lizenz abzugeben. Häufiger als vorher werden unter dem Vorwand der Rauschgiftfahndung spontane Hausdurchsuchungen gemacht. Auch konnte ich selbst einen deutlichen Drogenkonsum unter den Jugendlichen offen erkennen. Deshalb finden auch verstärkt Razzien statt. Dabei ist allerdings nicht auszuschließen, dass besonders hartnäckigen Casa-Vermietern auch mal bei dieser Gelegenheit ein Päckchen untergeschoben wird, versicherte mir ein alter Cubaner, der sein Land schon unter dem vorhergehenden System kennen gelernt hat.

Bei uns im Dorf gab es vor 2 Jahren noch 12 offizielle Casas Particulares, heute sind es nur noch fünf. Und das obwohl die Kontrollen speziell hier bislang äußerst moderat ausfielen. Auch zeigen die Restriktionen Wirkung. Es kommen einfach nicht mehr so viele Individualtouristen in unser Dorf, weil sie längst ein anderes Urlaubsziel ausgemacht haben. Dabei ist unser Dorf strategisch sehr günstig gelegen, aber der Tourist braucht ein Fahrzeug um den 5 km entfernten Strand zu erreichen oder die 20 km bis Havanna zurückzulegen. Dafür gab es dann im Dorf selbst bislang noch keine Probleme mit der Polizei und den verbliebenen Vermietern. Allerdings wissen diese um die verschärften Bedingungen und treten auch etwas leiser. Es kann mittlerweile nicht nur die Lizenz sondern das ganze Haus kosten.

Besonders nervig sind in Guanabo die Gepflogenheiten, wenn man in eine Discothek gehen will. Im „Guanabo Club“ und im „Playa Hermosa“ gilt restriktiv: Eintritt nur für Paare. Ausländer dürfen wiederum zwar alleine eintreten, aber dafür nicht mit einer Cubanerin, es sei denn, sie legen den gemeinsamen Trauschein am Einlass vor. Das ist pervers! Wenn ein Tourist mit seiner z.B. langjährigen Freundin in eine Disco gehen möchte, so kommen sie zusammen nicht hinein. Sie muss sich erst einen Cubaner suchen für den paarweise Eintritt. Demzufolge sitzen in den Discotheken die kleinen Huren mit ihren „Cousins“ „Brüdern“ und „Amigos“ und lauern auf die solo eintretenden Touristen. Man will angeblich die Prostitution bekämpfen, fördert aber damit lediglich die Zuhälterei.


Schluss mit lustig ist ab sofort auch im Straßenverkehr. Die Polizei greift jetzt hart durch. Es gibt neuerdings importierte Laserpistolen und drastische Strafen für Geschwindigkeitsübertretungen. Auch setzt man mittels neu eingeführter Technik die Null-Promille-Grenze durch. Bei Verstößen jeglicher Art gibt es jetzt für Cubaner ein Punktesystem was bis zum Entzug des Führerscheins letztendlich führt. Ähnlich wie in Deutschland. Ausländern wird man wohl nicht die Pappe wegnehmen, dafür aber kräftig in die Kasse langen. Mich erstaunt daran lediglich, dass die Cubis erst jetzt auf diese äußerst profitable Möglichkeit des Gringo-Melkens gekommen sind. Vielleicht haben sie sich nur bislang damit zurückgehalten, um die Touristen nicht zu verprellen. Mittlerweile scheint das jetzt gewollt zu sein, es trifft ja ohnehin kaum die Zielgruppe der AI Touristen, da diese ohnehin für gewöhnlich im Klimabus durch die Gegend gondeln.

Irgendwann Anfang des Jahres muss wohl der große Commandante und Jefe eine wichtige Rede gehalten haben. Der Grundtenor lautete in etwa, dass es so nicht weitergehen dürfe mit dem Alkoholkonsum besonders unter Jugendlichen, das Rauchen sei auch schädlich und erstaunlicherweise sprach er auch erstmals das Drogenproblem an. Gegen alle erwähnten Drogen wird seitdem rigoros vorgegangen. Festzustellen war, dass es eine neue Zigarettensorte „Criollos“ für 9 Peso gab, dafür waren die bisherigen „Popular“ zu 7 Pesos schwerer zu bekommen. Schnaps lose vom Fass für 25 Peso/Liter hab ich überhaupt nicht mehr gesehen. Das einzigste für Moneda Nacional war in Guanabo eine Flasche „Decano“ Rum mit 34% zu 57 Peso. Alles andere nur für Dollars. Auch dort fiel mir auf, dass der Havanna Club „Silver Dry“ zu 3 USD aus den Regalen verschwunden ist, und nur wenn man Glück hatte gab es den „Anejo Blanco“ zu 3,90 USD. Alle weiteren Sorten jenseits der 5 Dollar. Will man so etwa die Volksgesundung fördern? Wenn dem armen Cubaner (ich rede jetzt von den wirklich armen) auch noch die Kippe und der Betäubungsschnaps genommen wird, na dann „Viva la Revolución“ – auf die kommende.
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Alt 06.09.2003, 03:48   Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a Beitrag #3
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Zitat:
Die Dollarjugend und der neue Wohlstand


Oft habe ich das Gefühl, als bewege ich mich wie ein Außerirdischer durch den Alltag der cubanischen Bevölkerung mit ihren unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten.
Mit allen suchte ich bisher das Gespräch. So hatte ich gleichermaßen teil an Momenten des Lebens von zahnlosen Säufern, hochgebildeten Universitätsprofessoren, frustrierten Angolakämpfern, reichen Hausvermietern, asozialen Schnorrern, goldkettenbehängten Möchtegern-Zuhältern, bemitleidenswerten Alten und durchtriebenen jungen Chicas. Der Anteil der fleißigen Arbeiter ist leider auf eine zu vernachlässigende Anzahl gesunken.
Zwar bin ich bei jedem Kontakt mit der Bevölkerung real anwesend, andererseits aber gehöre ich nirgendwo so richtig dazu. Somit ist es wie ein Schweben, ein „sich treiben lassen“ durch eine zwar vertraute aber dennoch fremde Welt. Diese komplett in allen ihren Zusammenhängen zu begreifen wird einem „Außerirdischen“ wie wir es nun mal sind, niemals vollständig gelingen.

Dennoch ist für mich deutlicher denn je feststellbar, dass sich die cubanische Gesellschaft in einem rasanten Wandel befindet. Vieles was noch vor einem Jahr normal war, existiert plötzlich nicht mehr. Besonders die Lebenseinstellung und die Werteorientierung der Generation zwischen Schulabschluss und 30 Jahren, nachfolgend von mir als die „Dollarjugend“ bezeichnet, hat sich drastisch verändert. Wer nicht wenigstens einen Goldzahn im Mund hat, der ist ein Verlierer. Silberkettchen? Uninteressant! Gold, aber mindestens 14 Karat sollte es schon sein. Deutlich auffällig bei uns im Dorf ist diese Art von neuem Wohlstand. Das große Geschäft machen zur Zeit Raubkopierer und Verleiher von Videokassetten. Eigentlich in jedem Haushalt mit Personen aus der Dollarjugend gibt es neuerdings Farbfernseher und Videorecorder. Da werden Horror- und Brutalo- Metzger- und Hongkongschund- Videos für 5 Peso/Tag verliehen. Deutlich bis in den frühen Morgen zu hören dieses Uh-Ah-Zisch-Rattabumm der Handkanten und Maschinenpistolen. Die Kinder im Vorschulalter sehen fleißig zu. Schließlich müssen sie ja früh noch nicht zur Schule.
Da kann man im Sinne der Kinder schon froh sein, wenn mal „nur“ 8 Stunden am Stück „Novela“ bis morgens 5 Uhr reingezogen wird.

Das Geld dafür muss ja aber irgendwo her kommen. Durch Arbeit scheidet schon mal aus, die Gründe sind hinlänglich bekannt. Also muss die Kuh Nr. 1 gemolken werden: der Tourist. Und weil die Ansprüche so sprunghaft steigen, verschärfen sich auch die Art und Weise um möglichst noch schneller mit noch weniger Aufwand an noch mehr Geld zu kommen. Dieser Mechanismus hatte bereits ganz sachte seinen Selbstlauf vor 10 Jahren mit der unsinnigen Legalisierung des Dollars begonnen. Heute dreht er bereits im Turbogang. Der Arbeitsplatz an der Goldmine heißt „Diskothek“, und die Tätigkeit bezeichnen die Damen mittlerweile selbst als „luchar“ = kämpfen. Beliebteste Kampfzonen sind „Taramar“ an der Via Blanca und der „Guanabo Club“ in Guanabo. Tagsüber auch wieder der Strand vor dem Hotel „Tropicoco“. Dorthin verschlägt es allerdings nur die abgebrühtesten, die selbst mit der Polizei keine Probleme haben.

Es geht nicht mehr vordergründig darum, vielleicht das große Glück kennen zu lernen für ein Leben im Ausland, nur falls es sich trotzdem so ergibt. Hauptsächlich es geht nur noch um jetzt und hier so schnell wie möglich Fulas abzufassen. Und so benehmen sich die Chicas mehrheitlich neuerdings auch. Vorbei die Zeiten, als der 6-Tourist nach der Disco die Chica mit in sein Quartier nehmen konnte und noch den Eindruck hatte, es ginge auch um seine Person und nicht nur ums reine Geschäft, da erst am nächsten Tag das „Taxigeld“ gegeben wurde und das Mädel somit nicht als Hure dastand. Heute gibt es gleich in der ersten Gesprächsminute eine Ansage oder zumindest die Nachfrage, was denn der Freier so zu zahlen gedenke. Schließlich muss der Chulo ja auch mit Goldkettchen versorgt werden und das Leben ist ja teuer und sooo hart. Diesbezüglich haben sich nach meinem Eindruck innerhalb kürzester Zeit, zumindest hier in dieser Gegend – ich kann mich nur auf das mir bekannte Umfeld beziehen - , Umstände entwickelt, wie sie in der Dominikanischen Republik erst nach 20 Jahren Tourismus an der Tagesordnung sind.

Ein besonderes Thema der Dollarjugend, vor allem für den männlichen Teil ist das Auswandern. Die meisten Frauen, die sich mit diesem Gedanken getragen hatten sind bereits weg oder kurz davor. Als ich mich im Dorf mal nach diesem oder jener erkundigte, die ich bislang noch nicht gesehen hatte, kam unisono die Antwort „se fue“ – also ausgewandert. Bevorzugt nach Italien, Kanada oder Mexiko. Selbst ein schlitzohriger blondierter Bursche von 20 Jahren aus meinem näheren Bekanntenkreis hat es letztendlich geschafft, eine Französin im zarten Alter von 56 Jahren kennen zu lernen. Zwar ist sie sehr beleibt und nicht gerade hübsch, aber für ein Flugticket reicht es allemal. Er wird sich nach Spanien absetzen, sobald er in die EU einreist. Diese Woche ist sein Flugtermin. Er hat allerhand Flausen im Kopf und in seinem Leben noch nie gearbeitet. Seine Zukunft ist demnach sicher. Sicher vorgezeichnet allemal.

Dieser Entwicklung der Dollarjugend sieht die Bevölkerung jenseits der 50 hilflos, skeptisch und mit großer Sorge entgegen. Es gibt einfach keinen Nachwuchs für die lebensnotwendigen Berufszweige und die Intelligenz. Für die Leute über 50 ist eh der Zug abgefahren. Egal was kommt, viel besser wird es denen nicht ergehen, wenn sie nicht bereits heute schon zu den Wohlhabenden mit Dollareinkommen gehören. Doch die guten Jobs in der Gastronomie mit Zugang zu Trinkgeld und Betrug am Gast werden mittlerweile nur noch durch Bestechungsgelder ab 4-stelliger Dollarhöhe vergeben. Und die „richtige“ Arbeit will keiner mehr machen. Irgendwie ist es nicht verwunderlich, dass immer öfter Strom, Wasser oder die Busse ausfallen.

Beängstigend ist auch eine Entwicklung, dass immer weniger junge Leute Lust haben, nach ihrem Schulabschluss ein Studium zu beginnen. Dass dies eine Investition in die eigene Zukunft darstellt, egal welches System einmal vorherrschen wird, ist denen anscheinend weniger wichtig als das schnelle Geld und ein paar Markenklamotten, gefälscht in Fernost. Wenn ich diese Generation direkt darauf anspreche, bekomme ich oft zu hören, dass es doch sinnlos sei zu studieren um anschließend 300 Peso im Monat zu verdienen. Dass genau dieses später mal ganz anders aussehen kann, interessiert heute jetzt und hier in Cuba die Betreffenden genauso wenig wie eine Wasserstandsmeldung von Elbe und Havel.
Unter vorgehaltener Hand wünschen sich kurioserweise gerade diejenigen den alten Commandante zum Teufel, denen es neuerdings relativ gut geht. Ohne Arbeit, mit nur einem Stößchen am Abend nach der Disco zu den Reichen und Privilegierten zu gehören das wird sehr wahrscheinlich schnell der Vergangenheit angehören, wenn der Alte mal den Löffel abgibt und die Karten neu gemischt werden.
Erschreckend das Ergebnis einer Umfrage in einer cubanischen Schule betreffs des Berufswunsches. An erster Stelle: Tourist, an zweiter: Jinetera.
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Alt 06.09.2003, 03:50   Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a Beitrag #4
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Standard Fortsetzung Reisebericht Kuba 2003

Zitat:
Fortsetzung vierter Teil

Ein ganz normales Wochenende

Vor jedem Freitag und Samstag stellt sich die Frage, wohin wir heute Abend gehen. Wir, das ist von mir mal abgesehen, eine Gruppe von 6-8 jungen Leuten aus meiner Nachbarschaft. Diese kenne ich schon, seitdem ich das erste mal 1999 in Cuba war. Mittlerweile haben sich diese nunmehr 19 bis 27-jährigen auch zu Mitgliedern der Dollarjugend gemausert. Meine Akzeptanz innerhalb dieser Gruppe begründet sich einerseits darin, dass ich in dem halben Jahr Cubaaufenthalt im letzten Winter sehr viel Zeit mit diesen Leuten verbracht habe und natürlich auch weil ich dem stolzen Besitzer des legendären alten Chevrolet mit Spitznamen „Yumby“ schon einige Einnahmen beschert habe.

Mit diesem Gefährt geht es am Wochenende regelmäßig auf Tour. Zwei Mädels aus dieser Gruppe gehen meist „kämpfen“, sie werden somit zu ihrer Goldmine chauffiert. Deren cubanische Novios spielen dann den Cousin, also die übliche Prozedur, um in den Touristendiscos Eintritt zu erlangen. Daher beziehe ich auch viele interessante Einblicke in die Denk- und Verhaltensweisen der Jineteras.

Es macht mir Freude, das ganze Spektakel zu beobachten. Meist sind es Italiener, die als Zielgruppe dienen. Unter ihnen in letzter Zeit allerdings auch viele Kubakenner sogenannte „Camajánes“, die gar nicht gern gesehen sind bei den Mädels, weil diese nur ungern und nicht den Wunschträumen der Chicas entsprechend zahlen. Ganz selten nur werde ich mal gebeten, bei bestehenden Sprachbarrieren mit deutschen Erst- Reisenden zu übersetzen. Neuerdings sieht man zunehmend in unserer Gegend hauptsächlich Touristen aus Kanada.

Aber es gibt auch Wochenenden, wo unsere Gruppe nicht in die Dollardiscos fährt, weil nämlich nicht einmal mehr die paar Dollar für den Eintritt da sind. Also typisch für diese planlose Generation: das Startkapital wurde verbraten und daran scheitert die Möglichkeit, neues zu bekommen. Wenn dann niemand was gegen Verpfändung leihen kann, ist Ebbe. Da bleibt nur ein „Cubaneo“, der Gang in eine Cubanerdisco.

Diese gibt es im Campo in fast jedem Dorf und sie werden regelmäßig geschlossen wegen Schlägereien oder Drogen und nach gewisser Zeit wieder neu eröffnet. Eintritt 5 Peso, zu trinken gibt’s theoretisch Erfrischungsgetränke, Bier und Schnaps. Praktisch gab’s allerdings im ganzen Februar überhaupt nichts an dem Ausgabeschalter dieser Klubhäuser, außer diese Lutschbonbons am Stiel mit dem schönen zweideutigen Namen „Chupa-chupa“.

Was ist nur aus Cuba geworden. Noch vor einem Jahr konnte man wenigstens zeitweise Peso-Bier und Menta, eine Art schwachen Pfefferminzlikör dort kaufen. Peso-Rum gab’s fast durchgängig. Also ein trockenes Vergnügen. Wer allerdings seine Dosis in der Plastikbombe mit sich führt, hat kein Problem mit dem Einlass, nur Glasflaschen sind verboten. Das hat auch gute Gründe.

Doch plötzlich ging das Gerücht durch unseren Ort, dass im „Bella Monte“ an der Via Blanca bei Guanabo heute Disco sei und das ohne Eintritt. Und die Möglichkeit, einen Touristen abzufassen gäbe es da auch. Also wurde „Yumby“ in die Gänge gebracht. Zu unserer Gruppe gesellten sich noch 2 Musiker von einer regional bekannten Rap-Gruppe und zwei weitere Jungs und eine Chica die ich nicht kannte. Alle rein in den alten Chevi. „Bella Monte“ kannte ich bei Tage als Speiselokal, deshalb war ich neugierig geworden, was da abends tatsächlich abgeht.

Unterwegs wurden noch schnell 2 Flaschen Rum an einem Kiosk geholt, man weiß ja schließlich nie, welches Trockendock einen erwartet. Die Kostenverteilung innerhalb unserer Gruppe ist dabei immer geregelt, was Transport und Getränke betrifft. Ich muss mich da auch nicht überproportional beteiligen. Als wir gegen 23 Uhr dort ankamen, bot sich alles andere als Party-Stimmung. Zwar dudelte eine Anlage irgendwelche Discomusik vor sich hin doch die noch anwesenden etwa 20 total besoffenen Kubaner schien das nicht sonderlich zu beeindrucken, einige schliefen bereits am Tisch.

Voller Elan rückte nun unsere Gruppe ein, um wenigstens neue Stimmung reinzubringen. Der Sänger der Rap-Gruppe begann mit dem Lied „Vamos a matar la Cucaracha“ und alle stimmten ein. Wie gesagt, eine Regional bekannte Größe und jeder kennt deren Lieder, ich mittlerweile auch. Leider gibt’s die noch nicht auf CD, aber ich arbeite dran. Auf Tischen wurde mitgetrommelt, geklatscht und der Refrain lautstark in den Nachthimmel hinausgebrüllt. Das Personal hinter der Bar war wie üblich mit sich selbst beschäftigt. Der Störfaktor Gast blieb ihnen in unserem Fall erspart, wir haben die Servierwänste in Ruhe gelassen, nachdem sie ein paar Plastikbecher für unseren selbst mitgebrachten Rum rausgerückt hatten.

Nach etwa einer Stunde fröhlichen Gesanges ging plötzlich das Licht aus. Nun fiel auf, dass außer uns keine weiteren Gäste mehr da waren. Also zurück ins Dorf. Als wir dort ankamen, hatte das Liceo kurz vorher geschlossen wegen einer Schlägerei. Auf dem Dorfplatz tummelten sich einige Jugendliche völlig planlos. Noch während des Aussteigens sah ich, wie drei Typen eingehenkelt und schwankend auf unser Fahrzeug zukamen. Der in der Mitte begann vor sich hin zu kotzen. Die nicht zu unserer Gruppe gehörenden 2 Mitfahrer kannten wohl den einen muskulösen Typen, welcher den Kotzenden linksseitig festhielt. Daraus leiteten sie vermutlich das Recht ab, ihren Anteil an den Fahrkosten einsparen zu können. Jetzt ging eine Diskussion los.

Das einzige mitgefahrene Weib was nicht zu unserer Gruppe gehörte, meinte plötzlich im Ernst, der „Yuma“ solle doch zahlen und deutete auf mich. Da war sie bei mir genau richtig. Habe ihr kurz und für alle anderen deutlich hörbar zu erkennen gegeben, dass sie doch als Hure mehr Geld zur Verfügung hat als ich. Daraufhin entbrannte eine heiße Diskussion, an der ich von nun an nicht mehr beteiligt war. Mein Standpunkt wurde offenbar von der gesamten Gruppe verteidigt, da ich ja in Geldsachen als äußerst korrekt bekannt bin und außerdem meinen Obulus bereits entrichtet hatte. Hinzu kamen immer mehr unbeteiligte und in Sekundenschnelle eskalierte das Ganze zu einer mächtigen „Bronca“ – einem Handgemenge auf dem Marktplatz.

Der Fahrer setzte sein Gefährt wieder in Gang, nachdem alle zum engeren Kreis gehörenden wieder eingestiegen waren. Aus dem Seitenfenster konnte ich noch beobachten, wie einer der Typen einem anderen mit gezückter Machete hinterher rannte, auch damit zuschlug, und ein weiterer diesen wiederum davon abzuhalten versuchte. In solchen Momenten frage ich mich, wo da die Polizeipräsenz ist. Cuba ist randvoll mit Polizei, an fast jeder Ecke steht einer. Doch wenn sich die eigene Bevölkerung im Campo mit der Machete massakriert, interessiert das die Staatsgewalt offensichtlich genauso wenig wie den berühmten Sack Reis, der in China umfällt. Polizeipräsenz herrscht offenbar tatsächlich nur in touristisch relevanten Gegenden.
Es macht ja schließlich auch mehr Spaß, am Strand den Tussis auf die Pussis zu schielen, als sich mit völlig abgedrehten Guajiros herumzuprügeln.

Hinzu kommt noch, dass gewalttätige Auseinandersetzungen unter dem primitiven Volke an der Tagesordnung zu stehen scheinen. Niemand hat sich daran gestört, als am nächsten Tage im Liceo mitten auf der Tanzfläche ein etwa 30-jähriger Mann aus dem Nachbarort eine schlanke, zierliche etwa gleichaltrige Frau aus unserer Nachbarschaft brutal zusammengeschlagen hat und sie als Hure beschimpfte. Als er sie dann am Boden liegend noch mit Füßen trat, es tat mir in der Seele weh doch musste ich mich im Zaum halten und immer leise vor mich hin sprechen: Halt dich da raus, das geht dich nichts an, es ist nicht dein Land, nicht die eigene Frau, hier darfst du dich unter keinen Umständen einmischen. Die Nothilfegesetze in Cuba kenne ich erstens nicht und zweitens wird vermutlich alles zu Ungunsten eines Ausländer entschieden, wenn es ernst wird. Außerdem könnte mein einmischen auch unabsehbar böse Folgen für meine Familie haben. Was weiß ich denn, was hier anschließend abgeht, nachdem ich weg bin.

Erstaunlicherweise mischte sich auch kein Cubaner ein. Die wussten sicher genau warum. Denn eine Stunde später standen die beiden an der Tanzfläche und knutschten sich wieder. Alles Friede Freude Eierkuchen. Bis kurz vor 1 Uhr. Dann hat er sie nach draußen geprügelt. Wie ich am nächsten Tage erfahren hab, ist sie gar nicht seine Frau. Er ist mit einer anderen verheiratet, aber immer wenn sie was getrunken hat, will sie ihn am liebsten ganz für sich haben, aber das ist ihm zu lästig, er will sie nur fürs Bett. Und sie droht dann gegenüber seiner Ehefrau mit Skandal und das war wohl auch der Auslöser. Darüber hinaus ist sie generell nicht abgeneigt, ein Schäferstündchen mit nahezu jedwedem durchzuführen, sofern sie nur reichlich intus hat.

Auch diesmal war von Polizei weit und breit nichts zu sehen und zu hören. Anscheinend gehört eine „Bronca“ zum cubanischen Alltag wie Frijoles und Arroz. Und solange alle Beteiligten anschließend noch selber nach hause laufen können, scheint sich tatsächlich keiner drum zu kümmern. Auch eine Art von Freiheit, obgleich eine sehr merkwürdige.

Ende des vierten Teils, Fortsetzung folgt
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Alt 06.09.2003, 03:53   Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a Beitrag #5
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Standard Fortsetzung Reisebericht Cuba 2003

Zitat:
5. Teil

Ein Streifzug durch Havanna


Die Hauptstadt liegt etwa 20 Kilometer entfernt von dem Dorfe, welches ich als meine „zweite Heimat“ bezeichne. Mit dem Fahrrad diese Tour zu bewältigen ginge zur Not, wenn da nicht erstens der ebenso lange Rückweg wäre und zweitens dieser Straßentunnel unter dem Hafenbecken am Ortseingang. Dieser ist nur für die Durchfahrt von Autos zugelassen. Für dessen Durchquerung per Fahrrad ist man gezwungen, einen Bus zu benutzen, der dann mal kommt „si dios quiere“ oder auch mal nicht „si no hay petroleo“.

Ein Taxi scheidet von vornherein aus wegen räuberischer Erpressung. Wenn schon mit dem Auto, dann preiswerter mit „Yumby“, dem alten Chevrolet. Mit einem Auto nach Havanna ist vor allem dann notwendig, wenn ich zur Immigration muss, um mein Visum umschreiben zu lassen. Das Risiko, im Gedränge auf der Fähre, im Bus oder anderswo den Pass geklaut zu bekommen, ist einfach zu hoch. Außerdem ist die Immigrationsbehörde jetzt umgezogen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nahezu unerreichbar. Da die Anmeldung bereits in den ersten Tagen des Aufenthalts erfolgen muss, und man nun schon mal sowieso mit dem Auto unterwegs ist, bietet es sich natürlich an, einen Agromercado aufzusuchen und sich für die kommenden Wochen mit entsprechenden Produkten einzudecken.

Einen ganzen Sack voll Orangen, zirka 250 Stück für insgesamt 50 Peso (2 Dollar) gibt es nur auf solchen Märkten. Bevorzugt suche ich den in der Calle 19 zwischen Calle A und B auf. Dieser Markt ist bestens sortiert für cubanische Verhältnisse. Auch der Viking- Schinken schmeckt einigermaßen, sodass man sich einen Vorrat ins Gefrierfach legen kann. Im Dorf bei uns gibt es nichts von alledem.





Tren de Heshey

Dennoch gehört die Fahrt mit dem Auto nach Havanna für mich zur Ausnahme. Am liebsten fahre ich mit dem Zug „Tren de Heshey“ von der Station in der Nähe unseres Ortes bis Havanna-Casablanca und von da aus mit der Fähre die letzten Meter bis direkt in die Altstadt.
Mit ein wenig Glück bin ich dann eine Stunde später schon am Ziel. Was heißt eigentlich Ziel. Schon der Weg ist das Ziel. Einfach herrlich mit diesem grünen Ungeheuer aus dem Jahre 1949 durch die Palmenlandschaft mit Tempo 40 zu rattern. Dabei denkt man, dass dieses Monstrum jeden Moment aus den verbogenen Gleisen springen könnte. Immer wieder beschaulich, was man im vorbeifahren so zu sehen bekommt. Verfallene Industrieruinen, einzelne grasende Nutztiere, gut abgeschirmte Militärgelände und ganz erbärmliche Holz- und Wellblechhüten, die zum Teil näher als 50 cm dicht bei den Gleisen stehen. Deshalb fährt die Bahn auch zwischen „Bahia“ und „Casablanca“ höchstens mit 10 Km/h. Die Bewohner scheint’s nicht zu stören. Sie schauen gelangweilt auf den vorbeifahrenden Zug.





Die Hütten am Gleis

Im Februar bin ich auf diese Weise jede Woche einmal in die Hauptstadt gefahren. Mit dem Zug früh gegen 10:45 hat man noch den ganzen Tag vor sich. 15 Uhr geht auch noch einer, nur dann sollte man damit rechnen, erst spät in der Nacht mit dem Bus zurück zu kommen. Der letzte Zug von Casablanca fährt 21 Uhr.

Eigentlich gibt es ja mindestens 2 Havannas, ich meine jetzt nicht die Zigarren, sondern die Stadt an sich. Einmal das touristische Havanna, also die mit Unesco- Geldern einigermaßen begehbar gemachten Straßenzüge und Plätze, durch die man als Varadero-AI-Urlauber Busweise hindurch getrieben wird. Und dann ein paar Meter abseits davon den Rest der Stadt, das wahre Havanna. Und durch genau dieses lasse ich mich am liebsten treiben. Es hat einfach was faszinierendes ans sich.

In einer Parallelstraße des „Boulevard“ San Rafael befindet sich eine Eckkneipe mit Namen „Casa Grande“. Es ist eine halboffene Ausgabestelle für Rum und Zigaretten mit langem Tresen. Bier gibt’s auch vom Fass für 6 Peso, aber meist nur theoretisch. Hier hatte bis vor kurzem noch Miguel als Cantinero gearbeitet, mit dem ich voriges Jahr einige male über Gott und die Welt diskutiert hatte und dabei diesen oder jenen Kubikdezimeter Rum seiner endgültigen Bestimmung zugeführt habe. Mittlerweile ist er in Pension. Ein neuer Rumverteiler steht hinter dem Brett. Er hat sichtlich viel zu tun und dementsprechend fiese Laune. Weil es mal wieder kein Bier vom Fass gibt, dann eben bitte für 5 Peso Schnaps und eine Packung Popular zu 7 Peso, so lautete meine Bestellung. Der neue Cantinero betrachtete mich argwöhnisch. Kracht mir die Zigaretten und den Plastikbecher mit dem Kicherwasser auf den Tresen.


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Alt 06.09.2003, 03:57   Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a Beitrag #6
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Zitat:
Das „Casa Grande“
Um mich herum stehen fast ausschließlich Männer, die nicht gerade der wohlhabenden Bevölkerungsschicht zuzuordnen sind. Einige jüngere schwarze mit Goldkettchen und den typischen Ami-Kopier-Klamotten lungern außerhalb dieser Kantine an der Straßenecke herum und hantieren mit mehreren Armbanduhren und quatschen Passanten an. Mich hatten sie wohl übersehen, da ich unauffällig gekleidet und relativ zielgerichtet in das Lokal spaziert kam.

Langweilig ist mir an solchen Orten nie. Meist beginnt das Gespräch mit dem Personal. Eine gewisse Neugier ist stets vorhanden, da es ja offensichtlich nicht die Mehrheit der Ausländer gerade an solche von mir bevorzugten Orte zieht. Doch der neue Schwerstarbeiter hinterm Tresen machte mir ein ziemlich finsteres Gesicht. Erst als ich ihn auf das Fehlen von seinem Kollegen Miguel ansprach, wurde seine Laune ersichtlich besser. Klar doch, wer schon den Vorgänger mit Namen kennt, der muss ja irgendwie schon mal hier was zu tun gehabt haben. So begann ein langer Nachmittag. Ein alter zahnloser Zausel neben mir versuchte mir die Weltpolitik näher zu bringen und ein etwas jüngerer fand die jetzige Situation auch nicht gerade berauschend. Einzig berauschend war der Pesorum mit Namen „Decano“. Nach etwa einer Stunde wurde mein spanisch immer besser, dafür meine Zunge immer langsamer. Also entschloss ich mich, den Ort zu wechseln.

Planlos umherzustreifen ist immer die beste Variante, sich in Havanna fortzubewegen. Was nützt der beste Plan, er lässt sich sowieso niemals so realisieren wie man es sich gedacht hatte. Alles kommt einfach immer anders. So schlenderte ich die „Galliano“ (offiziell Avenida de Italia genannt) herauf bis zur „Monte“ (offiziell Avenida Simon Bolivar genannt). In diesen Straßen gibt es die unterschiedlichsten Geschäfte. Dollarkaufhäuser wie „Epoca“ und „Ultra“ ebenso wie kleine Pizzabuden, Bauchladenhändler, Feuerzeugfüller und sogar große Kaufhäuser für Peso national. Das Warenangebot ist allerdings dementsprechend. Irgendwie scheint kürzlich in Havanna ein Containerschiff aus Fernost gestrandet zu sein mit einer Riesenladung Fahrradschläuche. Diese habe ich überall in Unmengen gesehen, aber kaum etwas anderes. Für fast jede Vitrine gibt es eine Verkäuferin, die entweder gar nichts zu verkaufen hat oder höchstens einen Artikel aber den dafür in größerer Stückzahl. Schräubchen, Zwirn oder Kleidung die sehr wahrscheinlich einer Rotkreuzspende entstammt.




Pesoladen voller Fahrradschläuche und Klopapier

In der „Monte“ an einem spitzen Abzweig gibt es wieder eine Kantine. Im Straßenverkauf werden frittierte Mehlbällchen zu 1 Peso angeboten. Drinnen gibt es außer Rum und Zigaretten nichts. Der Kneiper wollte trotzdem wissen, woher ich denn käme und das übliche blabla nahm seinen Lauf bis eine etwa 30-jährige Frau mit ihrer vielleicht 5-jährigen Tochter vorbeilief, mich sah und direkt auf mich zu auf den Tresen zusteuerte. Ob ich ihr denn helfen könne. Na ja, wieder die übliche Tour dachte ich mir, die will bestimmt Dollars geschenkt haben.

Zu meiner völligen Verwunderung jedoch bat sie mich lediglich darum, für ihre Tochter doch so einen frittierten Mehlklumpen zu kaufen. Dies konnte ich nicht ablehnen. Auch für sie hab ich noch einen spendiert. Dabei betrachtete ich mir dieses weibliche Geschöpf etwas näher. Von der Figur her sah sie sehr attraktiv aus. Ihre kleinen aber straffen Brüstchen waren nur mit einem engen, vormals vermutlich weißen T-Shirt bekleidet, jede Kontur deutlich erkennbar. Der Zustand ihrer Kleidung und der des Kindes ließen deutlich auf nicht vorhandenes Dolleinkommen schließen. Vielleicht hätte ich mich noch länger oder auch intensiver mit dieser Frau beschäftigt, wenn sie nicht dauernd so freundlich gelächelt hätte. Nicht dass ich etwas gegen ihr wirklich sehr liebenswertes Lächeln gehabt hätte, aber mit geschlossenem Mund wäre mir der abschreckende Anblick ihrer Zähne erspart geblieben. Schade eigentlich, dachte ich mir. Für schlechte Kolamotten kann nun wirklich niemand etwas. Aber Zähne müssen nicht dunkelgrau und abgebrochen sein. Auch nicht in Cuba. So blieb es bei einer formlosen Verabschiedung sie bedankte sich und zog mit ihrem Töchterchen weiter.

Auch ich verließ den Ort ohne direktes Ziel. Ein paar Seitenstraßen bergab saßen 4 Chicas vor ihrer Haustür. Wohin sollen sie denn sonst auch gehen in ihrer vielen Freizeit. Ziemlich heruntergekommen gekleidet, Gummibadelatschen, Radlerhosen, also die übliche, dieser Wohngegend und Tageszeit entsprechende „Garderobe“. Ich lief auf der anderen Straßenseite entlang. Als könnte ich drauf warten, erklang das typische „pssst-pssst“ und die einladende Handbewegung. Nun bin ich schließlich kein Hund, den man auf sich zuwinken kann. Deshalb habe ich überhaupt nicht reagiert. Auf dieses Spiel trifft für gewöhnlich so etwa aller paar hundert Meter in leicht abgewandelter Form und mit anderen Darstellern in der ganzen Altstadt.


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Alt 06.09.2003, 03:59   Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a Beitrag #7
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Zitat:
Havanna Vieja – Was machen die da den ganzen Tag?

Die Straße endete an einem Abstellgleis des Hauptbahnhofes. Da ich anschließend in der „Neptuno“ unweit des „Prado“ noch eine Kantine aufsuchen wollte, beschloss ich umzukehren. Etwas übermütig nahm ich mir sogar vor, diese 4 Chicas nun zur Rede zu stellen, wieso sie denn auf solch freche Art mich wie einen Hund heranzupfeifen versuchten. Es entwickelte sich dennoch ein recht lustiges Gespräch. Ich beendete dies aber nach einer Weile, als das Drängen nach Bargeld intensiver wurde. Einen Dollar wollten sie anfangs alle am liebsten geschenkt haben, später boten sie mir schon diverse Dienstleistungen für 5 Dollar an. Nachdem ich mich unauffällig innerhalb kürzester Zeit überzeugen konnte, dass auch wirklich jedes dieser so ärmlich gekleideten schmuddeligen Mädels bereits mindestens einen Goldzahn im Mund hatte, beschloss ich, deren Goldvorräte nicht weiter aufzustocken und ging meines Weges. Man sieht also, derlei Möglichkeiten gibt es nach wie vor viele in den dreckigen hohlen Seitengassen von Havanna Vieja.

Die nächste Peso-Bar in der Neptuno war zu meinem Erstaunen nicht nur voller alter zahn- und arbeitsloser Männer. Es saßen auch 5 etwas besser gekleidete junge Dinger am Tresen, mit typischerer Haltung und mit Blicken welche eindeutige Schlüsse auf deren Haupterwerbstätigkeit zuließen. Mich wunderte nur, dass sie in einer Pesokneipe ihr Glück versuchen und nicht ein paar Meter weiter am Prado, wo doch dort jede Menge Touristen bis zum Hotel „Inglaterra“ flanieren. Entweder hatte sie die Polizei mal wieder um die Ecke getrieben oder sie haben sich zu ihrer gewerkschaftlichen Pause zurückgezogen, wer weiß. Ich hab mit denen jedenfalls kein Gespräch gesucht. Und sie wohl auch nicht mit mir. Denn was ist schließlich schon bei einem „Yuma“ zu holen, der in einer Cubanerkantine für 3 Peso Schnaps trinkt und Popular ohne Filter raucht.

Anschließend bewegte ich mich schon mal in Richtung Hafen und Fähranlegestelle, obwohl ich noch genügend Zeit bis zur nächstmöglichen Rückfahrt hatte. Am Ende wollte ich die „Lancha“ 20:15 Uhr nach Casablanca bekommen um dort bequem in den 21-Uhr-Zug Richtung Matanzas zu steigen, der bei uns am Dorf hält. Durch die Calle „Luz“ oder parallel dazu „Sol“ gelangt man geradewegs zur Fähranlegestelle. Der Weg war schneller zu Fuß zurückgelegt als ich vermutete. Also, was machen mit jeder menge Zeit? Da fiel mir noch eine Pesokantine mit Namen „La Flor“ ein. Sie befindet sich direkt an dieser am Hafenbecken entlang führenden Hauptstraße, wenn man südwärts Richtung „La Coubre“ und Bahnhof entlang geht.

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Alt 06.09.2003, 04:00   Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a Beitrag #8
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Zitat:
„La Lancha“ – die Casablanca-Fähre

Die Kantine „La Flor“ hatte ebenfalls wie fast alle Pesokneipen Havannas kein Bier vom Fass. Nur Schnaps der Sorte „Ronda“. Diesen Ort verbinde ich mit einigen Erinnerungen an vorangegangene Besuche. Früher arbeiteten hinter dem Tresen 2 Frauen. Die hübschere von beiden war mal mit einem Deutschen verheiratet und hatte 3 Monate in München verbracht. Wir haben jedes mal schön geschwatzt. Leider hat auch hier mittlerweile das Personal gewechselt und ich war gezwungen meine Kommunikation wieder von neuem zu beginnen. Nachdem ich den Cantinero nach dem Verbleib der beiden netten Tresenbedienungen befragt hatte, entwickelte sich auch hier ein gutes Gespräch. Neben mir saß Boris. Er ist 48 Jahre, sieht aus wie 58, hat eine Berufsausbildung und sogar studiert, war im Krieg in Angola, hat in der ehemaligen CSSR und in Polen für den kubanischen Staat als Techniker einige Jahre gearbeitet und früher auch gutes Geld dabei verdient. Heute ist er arbeitslos. Jeden zweiten Tag bewacht er einen nahe gelegenen Parkplatz 24 Stunden lang und bekommt dafür ein paar Pesos. Selten, dass in dieser Ecke mal ein Auto von Devisenbringern abgestellt wird.

Nachdem wir die weltpolitische Lage im allgemeinen und die cubanische im speziellen erörtert hatten, betrat seine Kollegin Mara, eine Frau in Boris` Alter, die Kantine. Sie entschuldigte sich bei mir für die Unterbrechung des Gesprächs und diskutierte mit Boris über irgendwelche Dienstpläne. Sie arbeiten in der gleichen Schicht auf zwei benachbarten Parkplätzen aber für das gleiche „Unternehmen“.

Das einzige Feuerzeug in dieser Kneipe war meines, wie das in vielen dieser Etablissements so üblich ist. Niemand hat Feuer. Somit sind Gespräche unausweichlich vorprogrammiert. Ich bot zudem noch eine runde Zigaretten an und es entwickelte sich ein interessantes Gespräch. Lebensläufe wurden vorgetragen. Die Lebenseinstellung meiner beiden Gesprächspartner im Vergleich zur Dollarjugend ist schon bewundernswert. Trotz aller Widerwärtigkeiten scheinen sie ihre Situation zu ertragen ohne zu klagen. Boris war schon sichtlich angeschlagen und verabschiedete sich.

Mittlerweile war die Fähre bereits weg. Mara begann sich Sorgen über meinen weiten Heimweg und meine Sicherheit zu machen. Offensichtlich fühlte sie sich jetzt verantwortlich für mich, da ich ihr und Boris einige Schnäpse spendiert hatte. Doch das mache ich gern, wenn es sich um angenehme, ehrliche Leute handelt, die mich nicht danach anbetteln. Noch dazu bei so einem guten umfangreichen Gespräch. Sie bestand darauf, mich zur Bushaltestelle vom 400-er zu begleiten. Dieser ist nach 20 Uhr die einzige Möglichkeit, in meine Richtung zu gelangen. Also spazierten wir los. Nach und nach bekam ich Bierdurst. Man kann sich nicht auf Dauer nur den Rum so trocken hinterwürgen. Deshalb kaufte ich an einem Kiosk auf dem Weg zwei Dosen Bucanero. Mara standen fast die Tränen im Gesicht. Seit ewigen Zeiten hatte sie wohl kein Bier mehr getrunken. Für mich gab es keinen Grund, dies anzuzweifeln.
Auf dem Weg zur Bushaltestelle wies sie plötzlich in eine Seitengasse und zeigte mir den „Parceo“ – ihren Arbeitsplatz und um die Ecke das Haus in dem sie wohnt.

Dieses kleine flache „Haus“ steht zwischen einem 3-Geschosser und einem Trümmerfeld, auf dem mal ein Haus gestanden haben muss. Das Dach ist mit Holz und Wellblech provisorisch geflickt. Sie hat auf mein Drängen hin mal kurz das Gitter aufgeschlossen, damit ich mir dieses Elend genauer von innen betrachten konnte. Viel sehen konnte ich allerdings nicht, da es für die insgesamt 3 Räume mit den kargen hohen nassen Wänden und dem abgebröckelten Putz nur eine einzige Glühbirne gibt. Diese baumelt lose an der Decke zwischen Küche und Wohnzimmer. Der Fußboden besteht aus teilweise alten losen Steinen und festgetretener Erde. Ihr war das alles sichtlich peinlich. Sie wohnt dort zur Miete, auch wenn riesige Löcher bei entsprechendem Regen jede Menge Wasser ins Wohnzimmer fließen lassen. Warum sie denn nur die eine Lampe habe, beantwortete sie mir einleuchtend, dass das Geld für weitere Glühbirnen fehle. Ich stellte mir noch vor, wie ich mich fühlen würde, wenn ich so leben müsste. So etwas tristes habe ich in meinem ganzen Leben bisher noch nicht gesehen. Alle bisher von mir inspizierten Bruchbuden in Havanna Vieja waren nicht so schlimm wie diese. Schnell weg von diesem Ort hier.

Mara begleitete mich noch zum Bus und avisierte auch gleich in der zweiten Schlange einen Platz für mich, sprach eine andere Reisende an und bat diese, behilflich zu sein, damit ich doch ja wohlbehütet mein Ziel erreichen könne. „Ich gebe dich in gute Hände, diese Frau achtet auf Dich, Gott schütze dich“. Zum Abschied drückte ich ihr einen 5-Dollar-Schein in die Hand, den sie nicht annehmen wollte. Erst nach meinem Hinweis, dass sie sich doch wenigstens eine neue Glühbirne kaufen solle, lenkte sie ein. Dieses Geld habe ich gerne gegeben.

Der 400-er Bus brachte mich bis zur Via Blanca nach Tarramar, die mir zugeteilte Begleiterin sorgte gewissenhaft dafür, dass ich meine Haltestelle nicht verpassen konnte. Direkt nach verlassen des Busses hielt dann per Zufall ein PKW, der die letzten 3 Kilometer bis in unser Dorf fuhr und mich mitnahm. Um diese Zeit gibt es keinen Bus mehr, die schlechte Alternative eines Fußmarsches blieb mir somit erspart. Möglicherweise war das so eine Art Belohnung für meine gute Tat?

Eine Woche danach saß ich mal wieder im „La Flor“. Nach einigen Schnäpsen und ein paar Witzen mit dem Kneiper erschien plötzlich Mara in ihrer Stammkneipe. Erst eine Reisenfreude über das zufällige Wiedersehen, dann der Vorwurf, wieso ich mich denn nicht gemeldet hätte, wenn ich schon mal in der Stadt sei. Schließlich sei ich für sie wie ein Engel, der vom Himmel gefallen wäre und ihr die Erleuchtung brachte. Die elektrische zumindest in Form einer neuen Glühbirne. Stolz berichtete sie, dass sie sich gleich am nächsten Tag eine Glühbirne gekauft hat und nun endlich wieder eine höhere Lebensqualität in ihrer traurigen Behausung hat.




Ende des 5. Teils, Fortsetzung folgt
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Alt 06.09.2003, 04:12   Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a Beitrag #9
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Zitat:
Schwarzbrot, Leberwurst und Tütensuppe

Für die meisten Urlauber ist das alles weder relevant noch nachvollziehbar. Wie kann denn einer über Cuba berichten und solch banale Dinge als erwähnenswert erachten. Wer allerdings vielleicht schon mal einen Monat oder gar ein halbes Jahr am Stück fernab der Heimat war, lernt diese kleinen alltäglichen Selbstverständlichkeiten plötzlich zu schätzen. Nämlich dann, wenn er sie vermisst. Man möchte eben nach einigen Tagen keine Wabbelbrötchen mehr und auch kein kubanisches Stangenweißbrot. Diese knochentrockene zwiebackähnliche Lufthülse, welche sofort zerkrümelt, wenn man auch nur versucht, ein Messer anzusetzen.

Aufgrund der Erfahrungen vom letzten Jahr hab ich mein Reisegepäck dementsprechend bestückt. Das Zauberwort hieß diesmal „Backmischung“. Ein paar Tüten Haselnusskerne gehörten ebenfalls. Dazu noch einige Beutel „schnelle heiße Tasse“ und natürlich zwei Dosen Leberwurst. Die Etiketten wurden vorsichtshalber entfernt, um im Notfall dem Zoll diese wieder als „Spezialklebstoff“ zu deklarieren und damit vor organisiertem Verlust zu schützen.
Ebenso gut abgetarnt ein elektrischer Wasserkocher um die Teebeutel allmorgendlich ihrer Bestimmung zuzuführen.

Es ist nämlich in „meiner“ Familie so üblich, dass vormittags faktisch niemand sich bequemt, aus dem Bett zu kriechen. Egal ob Oma oder Kleinkind. Alles grunzt vor sich hin bis Mittag. Mit Ausnahme vom Onkel. Er ist der einzige, welcher einer geregelten Arbeit nachgeht. Deshalb ist er auch schon im Morgengrauen außer Haus und kommt als Brötchenholer vom Dienst nicht infrage. Möchte also der Loco Alemán nicht erst nachmittags oder ungefrühstückt zum Strand radeln, bleiben ihm nur 2 Möglichkeiten. Entweder für die ganze faule, verschlafene Bande die Libretta- Brötchen holen oder sich autark zu versorgen.

Nun gibt es zum Glück noch einen Langzeit-Deutschen im Dorf. Er ist im Ruhestand, dort verheiratet und hat sein Haus bereits fertig. Durch Beziehung ist es ihm sogar gelungen, neben diversen Haushaltselektronik- und Elektrogeräten auch einen Brotbackautomaten zu beschaffen. Sofort nach meinem Eintreffen, wurde dann in seinem Hause die „Panaderia Alemán“ in Betrieb genommen. Mitten in Cuba ein herrlich knuspriges Nussbrot, Sonnenblumenbrot, Bauernbrot usw. aller paar Tage frisch gebacken zu bekommen. Einfach köstlich.
Dadurch hat sich mein Tagesablauf im Gegensatz zu vorherigen Aufenthalten von nun an völlig stressfrei entwickelt. Dabei hat es mich auch nicht gestört, allein zu frühstücken. Gut gelaunt ging es fortan meist gegen 11 Uhr mit dem Fahrrad zum Strand.


Ausflug zur Südküste

Seit nunmehr 4 Jahren bin ich nun schon so oft in Cuba gewesen, dass es mir fast schwer fällt, die Anzahl der Reisen auf Anhieb zu nennen. Aber eigentlich war ich noch nie so „richtig“ in Cuba. Mangels Transportmittel beschränkte sich mein Aktionsradius auf einen Umkreis von 10 Kilometern um unser Dorf, was mit dem Fahrrad eben gerade noch so akzeptabel ist, ohne gleich zum Gewaltsportler zu mutieren. Dann gab es noch die Ausflüge nach Havanna und die An- und Abreise nach Varadero. Mehr hab ich tatsächlich noch nicht von Cuba gesehen. Aber das was ich in diesem relativ kleinen Umfeld erlebt habe dafür intensiver. So hatte sich im laufe dieser Jahre mein Bild über Cuba nach dem alten lateinischen Prinzip „Pars pro toto“ geprägt. Ein Teil steht für das ganze, für alle Nicht-Lateiner.

Dies sollte nun endlich geändert werden. Denn ich hatte mir vorgenommen, mal die Südküste kennen zu lernen und bei dieser Gelegenheit eine frühere Bekannte aufzusuchen, deren Adresse ich noch hatte. Die Situation war günstig. Mein Nachbar Marco, der Fahrer von „Yumbi“, dem uralten Chevrolet, hatte nichts zu tun, sprich ihm mangelte es wie so oft an Geld, und wir einigten uns auf einen Freundschaftspreis. Los ging es über Santa Fé, auf die Hochstraße Richtung Süden. Vorbei in der Nähe des Flughafens an einer Müllverbrennungsanlage zeigte ein Wegweiser nach „Melena del Sur“, links in unsere Zielrichtung.

Auf dem Weg vor dem Ortseingang steht ein monumentales Schild, welches in Erinnerung führt, dass Melena del Sur der erste Ort war, in dem der Analphabetismus besiegt wurde. Wieder was gelernt. Melena del Sur ist ein kleines Städtchen, fernab jeglichem Tourismus. Es gibt zwar eine „Cadeca“- Dollar-Wechselstube und einige Devisenkneipen doch alles andere entspricht wesentlich mehr dem, wie ich mir Cuba ursprünglich mal vorgestellt habe. Auch wenn ich als Ausländer dort in etwa so aufgefallen sein muss, wie ein Schwarzafrikaner in einer sächsischen Kleinstadt, hat mich niemand dumm vollgequasselt oder gar versucht anzubetteln. Alles schön ruhig und gelassen, so wie es mir gefällt.

Nach kurzer Suche, der Ort ist sehr übersichtlich, hatten wir die richtige Adresse gefunden. Aber Isabel war nicht zu hause. Ein älterer Herr öffnete verschlafen die Tür, nachdem Marco diese einige Minuten lang lautstark bearbeitet hatte. Er stellte sich als der Hausherr vor und ich fragte ihn nach Isabel. Sie sei bei einer Freundin kurz außerhalb der Stadt. Er bot sich an mitzufahren, und den Ort zu zeigen. Also rein ins Auto und 2 Kilometer raus aus der Stadt. Am Wegesrand tauchte plötzlich eine uralte Dampflok auf. Besser gesagt, sie stand einfach im Gelände auf einem Gleisstück aufgebockt aber sehr gut restauriert, jedenfalls äußerlich. Es handelt sich um eine ehemalige Zuckerrohrbahn, vermutlich amerikanischer Bauart. Ein Traum für jeden Dampflokenthusiasten.

Plötzlich stieg Rauch auf. Der kam aber nicht von der Lok, sondern aus dem Wageninnern. Es roch irgendwie nach „Strom“. Marco ließ das Gefährt rechts ran rollen und öffnete gemächlich die Motorhaube. Qualm und Funken schlugen ihm dabei entgegen. Aber was so ein richtiger cubanischer Automobilist ist, der weiß sofort was zu tun ist. Kofferraum auf, Werkzeugkiste raus, Zange her und das Batteriekabel abgeschraubt. Die Funken waren weg, aber es qualmte noch ein Weilchen. Nachdem sich der Rauch verzogen hatte, war inmitten der Batterie ein Kabel zu sehen, welches sich seitlich hineingefressen hatte. Eigentlich sollte es wohl als Batteriehalterung dienen, doch hatte sich die Isolation irgendwie gelöst und durch Kontakt mit einer Zellenbrücke wandelte sich das Kabel eben mal schnell in einen Heizdraht um. Das Kabel musste folglich erst mal wieder aus dem Batteriegehäuse herausoperiert und dann gegen die Batterie von neuem isoliert werden. Ein alter Lappen und ein paar Palmenblätter vom Straßenrand wurden kurzerhand herumgewickelt und weiter ging die Fahrt.

Hinter der alten Bahnstation einer auch heute noch betriebenen Zuckerrohrlinie waren wir am Ziel. Isabel saß beim Haare färben hinter dem Haus mit ihrer Freundin. Große Wiedersehensfreude. Man hat sich ja seit 4 Jahren nicht mehr gesehen. Wie geht’s denn so und das übliche. Nach einer Schnellzusammenfassung der jeweils verbrachten letzten 4 Jahre kam der Entschluss, an den Strand zu fahren. Wenige Kilometer südlich dieser Stadt befindet sich der Badestrand „Playa Rosario“. Das ist einige Kilometer östlich von der Stelle, wo die Fähre zur Insel der Jugend anlegt.

Dieser Strandabschnitt wird ausschließlich von Cubanern genutzt und das auch nur in den zwei Sommermonaten. Die restliche Jahreszeit stehen die ganzen Bungalows leer, nur eine Cafeteria war geöffnet. Rum und Zigaretten, sonst nichts, wie üblich. Aber wir hatten vorgesorgt und unterwegs mächtig eingekauft. Schließlich waren außer Marco, Isabel und dem bereits erwähnten älteren Herren, noch dessen 16-jähriger aber durchaus trinkfester Enkel mit dabei. Zum baden gehen hatte keiner so richtig Lust, obwohl dieser Ort dort wirklich sehr idyllisch ist. Es mündet ein klarer aber eiskalter Fluss an dieser Stelle in die Karibik.

Da saßen wir nun und leerten einige Flaschen. Zu erzählen gab`s ja auch allerhand. Kennen gelernt hatte ich Isabel bei meinem aller ersten Cubaurlaub. Seitdem ist sie nie wieder in „meiner“ Gegend aufgetaucht. Sie war, und das glaube ich ihr sogar, seit über 3 Jahren nicht mehr an den Playas del Este gewesen. Im Moment lebt sie vom Verkauf von Gemüse „über die Straße“. Habe ihr auch gleich eine riesige Kiste Tomaten abgekauft. Bei diesen im Verhältnis zur Nordküste lächerlichen Preisen könnte sie nicht davon alleine leben, doch sie bekommt reichlich Zuwendungen von ihrer Schwester, an die ich mich noch gut erinnere. Die ist mittlerweile in Mexiko mit einem offenbar wohlhabenden Mann verheiratet ist, zumindest deuten die Fotos von der pompösen Hochzeit darauf hin. Außerdem steht im Hause von Isabel ausreichend elektronisches Equipment „Hecho en Méjico“, alles Mitbringsel der Schwester.

Wie im Fluge vergingen die Stunden, bis dann zum Sonnenuntergang einige Fischer auftauchten. Sie hatten etliche Rochen gefangen „Raya“ genannt. Schnell kam man ins Gespräch und ich konnte nicht umhin, etwas frischen Fisch einzukaufen. Sofort begannen die Fischer, ihren Fang auszunehmen. Mit Zangen und Messern ging es den Meerestieren zu Leibe, bis alles „limpio“, also frei war von Gräten, Kopf und ungenießbarer dicker Haut. Ich wollte meinen Ohren nicht so richtig trauen, als ich den Preis zu hören bekam. Das Pfund Fisch fast in Filetqualität für sage und schreibe nur 5 Peso. Da ist die Welt noch in Ordnung. So liebe ich Cuba.

Der Rückweg zum Haus von Isabel verlief ohne Komplikationen, außer dass im dunkeln noch auf die Schnelle ein Radbolzen gewechselt werden musste. Aber ein Experte wie Marco hat sogar eine Handlampe dabei. Ich dachte mir nur, hoffentlich schafft er es, bevor die bereits angeschlagene Batterie den Geist vollends aufgibt. Aber er hat`s geschafft. Nach einer Stunde waren wir zurück am Haus.

Marco und ich wurden jetzt noch zum Abendessen eingeladen. Widerrede wird nicht akzeptiert. Es gab, wie könnte es anders sein, Frijoles, Arroz und Pollo, aber ich habe mir nichts anmerken lassen. Schließlich muss man den guten Willen honorieren und die Einladung dankend anerkennen. Den Bengel hab ich dann noch mal in die Spur geschickt, Nachschub zu holen, denn der Rum und das Bucanero war wieder mal schneller alle, als der Durst. Aber das ist ja fast immer so. Nach einem kleinen gemeinsamen Stadtrundgang, ein paar Minuten im dortigen „Liceo“ und ein paar Schnäpsen unterwegs, hieß es die Heimfahrt anzutreten. Marco besann sich plötzlich seiner jungen, hübschen aber extrem eifersüchtigen Ehefrau. Um erst gar keine dummen Gedanken aufkommen zu lassen, beschlossen wir nun, uns auf die Rückfahrt zu begeben.
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Alt 06.09.2003, 04:14   Reisebericht: Kuba Februar 2003 by e-l-a Beitrag #10
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Zitat:
Cubaner der seltenen Art

Im Jahre 1999, meinem ersten Cubaaufenthalt hatte ich auch meine aller erste Begegnung mit dem cubanischen Familienleben und einer typischen Feier. Per Zufall bin ich damals mit El Transistore zusammen auf einer Geburtstagsfeier in San Miguel gelandet. So mit Schwein am Spieß, Congris und dem Ganzen Zauber drum und dran.

Ermuntert von meinem vorherigen Ausflug nach Melena del Sur wollte ich nun noch eine weitere Stätte meiner Cuba- Vergangenheit aufsuchen. Einfach nur um mal zu sehen, ob es die Leute noch gibt und was sie so machen. Der nächste Ausflug galt dieses mal San Miguel de Padron, einem südlichen Stadtteil von Havanna, nahe Guanabacoa. Die genaue Adresse habe ich zwar zwischenzeitlich nicht mehr, aber ich würde ohne weiteres den Weg wieder finden. In Havanna ändern die Straßen ja nicht so schnell ihr Aussehen wie in den neuen Bundesländern. Also wurde mit Marco und „Yumbi“ ein Termin vereinbart.

Ob ich was dagegen hätte, wenn seine Frau mitkäme, war die Frage von Marco. Ach du meine Güte, jetzt ist die wohl tatsächlich eifersüchtig oder misstrauisch, bemerkte ich. Nein, wir setzen sie bei ihren Eltern zu einem kurzen Besuch ab und nehmen sie auf dem Rückweg wieder mit. Natürlich hatte ich nichts dagegen. Alles kein Problem. Über den Fahrpreis wurde diesmal nicht gesprochen. Erstens weil es wohl auch keine nennenswerte Strecke ist und zweitens kennen wir uns mittlerweile gut genug um zu wissen, was wir voneinander zu halten haben. Außerdem hätte er wohl sowieso seine Frau dieser Tage dorthin gefahren.

Diesmal ging es erst am späten Nachmittag los. War ja ausreichend Zeit für einen kurzen Besuch. Der Motorblock begann zu vibrieren und Yumbi bewegte sich mit uns drei Insassen Richtung Ortsausgang. In der Abendsonne rumpelte das Gefährt durch die nächsten Dörfer gemütlich seinem Ziel entgegen. Es reicht oft, ein bis zweimal am gleichen Ort gewesen zu sein, und man hat beim dritten mal die volle Orientierung wieder. Oder man packt solche Dinge grundsätzlich nie. Einige Straßenzüge kamen mir plötzlich bekannt vor. Da waren wir also schon in San Miguel. Jetzt nach dem Rondell erkannte ich die langgezogene ziemlich steil ansteigende Hauptstraße wieder, von der aus man nur noch in die richtige Seitenstraße abzubiegen braucht.
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04.04.2006 wurschtsalat 1 04.04.2006 12:19
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Erfahrung mit Straßenzustand?: Kann mir jemand einen Tipp geben, in welchem...
05.08.2003 sumava 3 11.10.2005 21:31
Dringend!!
Dringend!!: Hallo, ich plane in ca. 5 Wochen einen...
07.03.2005 superflyer 1 07.03.2005 21:34

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